Ich korrigiere nur!

Geht es darum, wie wir unsere Hunde ausbilden, gehen die Meinungen teils weit auseinander. Da gibt es die einen, die behaupten, ohne Korrekturen geht es nicht, während wiederum andere sagen, Korrekturen braucht es nicht.

Und ja, ich nutze bewusst den Begriff „Korrekturen“. Denn Viele verwehren sich gegen den Begriff „Strafe“, was ich auch verstehen kann. Denn die meisten sehen bei diesem Begriff einen Menschen vor sich, der seinen Hund misshandelt. Schauen wir uns deshalb einfach mal an, was die in der Wissenschaft längst akzeptierte Lerntheorie dazu sagt:

Um das Verhalten eines Lebewesens zu verändern, haben wir zwei Möglichkeiten

  • Wir können durch Hinzufügen von Angenehmem* erwünschtes Verhalten verstärken, so dass dieses häufiger auftritt
  • Oder wir können unerwünschtes Verhalten durch Hinzufügen von Unangenehmen* unterbrechen und dieses so mit der Zeit seltener auftreten lassen

*In der Lerntheorie Belohnung und Strafe genannt

Als Belohnung bzw. verstärkend wirkt somit Alles, was für den Hund angenehm ist und sein aktuelles Bedürfnis befriedigt. Das kann je nach Situation ein einfacher Keks sein, aber auch die Aufmerksamkeit des Besitzers oder das Spielen mit dem Hundekumpel.

Als Strafe oder verhindernd hingegen wirkt Alles, was für den Hund unangenehm ist und ihn in seinem Verhalten stoppt. Das kann das Wegnehmen eines Spielzeugs sein, aber auch das Erheben der Stimme, ein körpersprachliches Einwirken oder auch das Werfen mit Gegenständen nach dem Hund. Auch ein negativ konditioniertes „Schscht“ zeigt diese Wirkung.

Dabei spielt es keine Rolle, ob wir das Unangenehme als Strafe, Korrektur oder Einschränkung bezeichnen; die Reaktion des Hundes erfolgt auf eine negative Einwirkung.  Als weitere Synonyme für Strafen schlägt Woxikon.de die folgenden vor:

strafe

Aber es funktioniert doch

Und ja natürlich funktionieren Korrekturen. Das besagt ja auch schon die Lerntheorie.

Und es spricht ihnen auch Niemand ab, dass diese sehr schnell Wirkung zeigen können. Denn biologisch gesehen macht es Sinn, auf etwas Unangenehmes / Gefährliches schnell zu reagieren – nur das sichert das Überleben. Während der verpasste Hase lediglich eine ungenutzte Chance ist und sich morgen schon der nächste Hase zeigen kann.

Verstärken oder Korrigieren

Für den Hund jedoch macht es einen grossen Unterschied, ob er für sein Tun belohnt oder in seinem Tun unterbrochen wird. Vor allem, wenn er noch nicht einmal weiss was er falsch gemacht hat oder was er anders hätte machen sollen.

Schauen wir es doch einfach mal wie ein Hund auf ein positiv aufgebautes Abbruchsignal reagiert:

Meideverhalten_Nicht1
Nutzung des positiv aufgebauten Unterbruchsignals – Klick auf den Link

Ursprünglich gab es hier noch einen Link auf ein Video, welches unter dem Titel „Meins“, ich liebe…“ in der offenen Hundeteamschule HTS-Gruppe gepostet wurde. Auf diesem wird ein Welpe gezeigt, der über Korrektur gelernt hat, das geworfene Käsestück liegen zu lassen.

Der darauf zu sehende Welpe zeigt nach dem Werfen klares Meideverhalten – man erkennt angelegte Ohren, den eingeklemmten Schwanz und wie er geduckt weg läuft. Als die Besitzerin sich nähert, wedelt er verhalten, behält den Schwanz aber unten und zieht sich noch weiter zurück. Dabei behält er das Käsestückchen fest im Blick, so als ob davon eine Gefahr ausgehen könnte.

Hier ein eigenes Beispielfoto eines Hundes, welcher Meideverhalten zeigt:

meideverhalten10

Auch Shadow im 1. Video legt kurz die Ohren an, kommt aber danach freudig und gerne zu mir und kann sich auch frei um den Käse bewegen. Sehr schön zu sehen ist auch, dass er schon beim ersten Mal auf Distanz und ohne körperliches Eingreifen reagiert.

Das Video Nr. 1 zeigt aber auch, dass positiv ausgebildete Hunde genauso Regeln und Unterbrechersignale kennen und auch befolgen. Danach zeigen sie aber kein Meideverhalten. sondern komnen gerne und ohne Beschwichtigung zu ihrem Besitzer.

Und genau das ist es, weshalb es für mich nur den Weg des achtsamen und fairen Trainings geben kann. Denn dieses bildet den Hund mit so viel Verstärkung wie möglich, so wenig negativer Strafe wie nötig und dem vollständigen Verzicht auf positive Strafe aus (mehr zu diesen Begriffen findest du bei den 4 Quadranten der Operanten Konditionierung)

Korrekturen sind doch keine Strafen

Das hast du bestimmt auch schon gehört. Oder auch: „Ich tu meinem Hund doch nicht weh“. Wer das sagt, der denkt dabei meist nur an gravierende Strafen, wodurch die Hunde alle Lebensfreude verlieren würden.

Aber Strafen kommen meist sehr viel subtiler daher. Da wird mal kurz körperlich eingeschränkt, dort die Stimme erhoben oder schnell in die Flanke gegriffen, um das gerade gezeigte Verhalten oder Nicht-Verhalten zu unterbrechen – den Hund also für das nicht gehorchen zu bestrafen.

Wenn du etwas beobachtest und dir nicht sicher bist, was du davon halten sollst, kannst du dich fragen: „Was hat der Hund danach gemacht?“

  1. Reagierte der Hund offen auf die Handlung des Menschen und wandte er sich ihm gar erwartungsvoll zu? In dem Fall wurde ein positiv trainiertes Signal eingesetzt
    .
  2. Reagierte der Hund ausweichend auf die Handlung des Menschen und zeigte er danach vielleicht ein beschwichtigendes, meidendes Verhalten?
    In dem Fall wurde ein negativ auftrainiertes Signal verwendet

Und noch ein wichtiger Unterschied:
Wo über Belohnungen trainiert wird, wird dies so aufgebaut, dass der Hund möglichst viele gute Verhalten zeigen kann, die belohnt werden. Und auch im Alltag wird das gute Verhalten belohnt.

Beim Training über Korrekturen hingegen wird der Hund bewusst in Situationen geführt, in denen er den Fehler machen kann, um ihm durch eine Korrektur zu zeigen, dass dies unerwünscht ist. Diese Korrektur kann eine drohende Körperhaltung sein aber auch ein Schreckreiz oder ein lautes Geräusch, welche ihn für das übertreten einer imaginären Linie bestrafen.

Und ja, natürlich kannst du es Korrektur nennen, wenn du deinen Hund zurückschickst, sobald er eine imaginäre Linie übertritt. Du kannst aber auch sagen, ich strafe ihn dafür, dass er die Linie überschreitet. Aber nur dein Hund weiss, wie er es tatsächlich empfindet. 

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Jetzt sagst du vielleicht: „Nur belohnen geht aber auch nicht“.

Und ja, damit hast du recht. Denn auch ein positiv arbeitender Hundehalter wird nicht einfach zuschauen, wenn sein Hund etwas Gefährliches oder Unerwünschtes vor hat, sondern dieses Verhalten unterbrechen, bevor es passiert.

Dazu benutzt er entweder ein positiv aufgebautes Unterbrechersignal oder aber noch lieber, ein Signal für ein Verhalten, welches nicht mit dem Geplanten zusammenpasst (ein Hund, der sich auf Signal hinsetzt, kann das Gegenüber nicht anspringen oder der Katze nachrennen).

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Sind Korrekturen / Strafen gegenüber unseren Hunden zu rechtfertigen?

Strafen sollen eine Person / ein Lebewesen für eine geplante oder begangene Tat sanktionieren. Dabei ist das Strafmass in der Regel abhängig von der Schwere der Tat.

Es gilt aber auch, dass man nur Jemanden bestrafen kann, der strafmündig und straffähig ist. Das heisst, er muss alt genug sein,  um zu verstehen und ein Unrechtsbewusstsein für die begangene Tat haben, damit er die Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann.

Was aber ist mit unseren Hunden? Können sie verstehen, dass ihre natürlichen Verhalten wie „Leinenziehen, Jagen oder andere Hunde verbellen“ unerwünschte Verhalten sind, für die man bestraft werden kann?

Das Gleiche gilt für Beschwichtigungssignale. Ist es wirklich falsch, wenn unsere Hunde an neuen Orten am Boden schnüffeln, weil sie die fremden Hunde, Menschen und sich selbst besänftigen wollen. Oder wenn sie beim Rückruf unterwegs pinkeln, um den Stress loszuwerden, welche unsere strenge Stimme und die frontale Körperhaltung bei ihnen auslöst?

Wäre es da nicht fairer, ihnen Alternativen zu den unerwünschten Verhalten zu zeigen: Lockere Leine, statt Leinenziehen, Dummy statt Katze jagen, in einem Bogen ausweichen suchen statt Hunde verbellen…? Oder sie zu unterstützen, wenn sie uns durch ihre Signale zeigen, dass sie überfordert sind, statt dieses Verhalten zu unterbrechen?

Aber halt, die Hunde werden ja nicht bestraft sondern „nur“ korrigiert!

Schauen wir uns den Begriff der Korrektur doch einmal genauer an. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird darunter eine Verbesserung, Berichtigung oder Richtigstellung verstanden. Was kann ich mir darunter vorstellen:

  • Verbessert werden kann eine schlecht/fehlerhaft ausgeführte Arbeit
    Dabei wird der Fehler selber oder durch eine Drittperson festgestellt  z. Bsp. ein Fehler in einem Text, einem Werkstück oder in einer Bewegung.
    Um den Fehler danach zu korrigieren muss derjenige wissen, was richtig ist
    .
  • Mit Berichtigungen/Richtigstellungen werden Dinge nachträglich durch denjenigen richtig dargestellt, der zum Beispiel eine Falschmeldung herausgegeben hat oder Vorurteile geäussert hat.

Wenn wir also unsere Hunde korrigieren, sagen wir ihnen damit zwar, dass sie gerade was Unerwünschtes machen. Damit wissen sie aber noch nicht, was richtig gewesen wäre und wenn sie Pech haben, machen sie danach gleich unbewusst wieder etwas Unerwünschtes.

Und damit sind wir wieder bei der Frage von oben: Weshalb zeigen wir ihnen dann nicht einfach, was wir von ihnen wünschen, statt alle unerwünschten Verhalten über negative Einwirkungen zu unterbrechen? Das ist nicht nur viel netter sondern auch viel effektiver.

Hinzukommt, dass unsere Korrekturen meist sehr ungenau sind und wir unseren Hund vielleicht gerade in dem Moment korrigieren, wo er das Bellen stoppt und uns anschauen möchte.  Und da ist es wie beim Belohnen: der Hund wird die Korrektur auf sein letztes Verhalten beziehen.

Und Besitzer von mehreren Hunden müssen auch immer bedenken, dass bei einer Korrektur immer alle anwesenden Hunde betroffen sind. Also auch derjenige, der sich richtig verhalten hat. Und auch fremde Hunde können mitbestraft werden.

Konditionierung vs Korrekturen

Allen, die von sich sagen, sie möchten lieber Korrigieren statt Konditionieren, sei gesagt, das könnt ihr nicht. Denn auch bei einer Korrektur, findet eine Konditionierung statt. Auch hier löst das Verhalten des Menschen ein bestimmtes Verhalten beim Hund aus (Reiz – Reaktion)

Und da dies in der Regel über die klassische Konditionierung erfolgt, sitzt die Reaktion nicht nur sehr tief, sondern wird sich auch auf andere Lebensbereiche auswirken. Denn wenn du dich nun eindrehst, um deinen Hund anzuschauen oder zu loben, wird er das Eindrehen als Korrektur wahrnehmen.

Und ja, ich habe genügend Hunde gesehen, die über Korrekturen gelernt haben, Verhalten nicht auszuführen. Das sind dann oft Hunde, die bei der Annäherung der Hand erst einmal zurückgehen – auch wenn diese sie streicheln will. Oder beim Eindrehen des Menschen gleich ein Meideverhalten zeigen.

Denn sie haben über Konditionierung gelernt, dass diese Bewegungen oft etwas Unangenehmes ankündigen, dem man lieber mal aus dem Weg geht.

Fragen wir doch mal den Hund, welche Form der Konditionierung ihm lieber ist und schauen es nicht nur aus unserer Warte an. Seine Körpersprache und sein Verhalten danach wird es uns sagen. 

© 2020 – Teamschule – Monika Oberli

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