Gutes Training geht besser…

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Eigentlich hatte ich den Sendungen von namhaften TV-Hundetrainern schon lange abgeschworen und mich an Trainern orientiert, denen ein achtsames, bedürfnisorientiertes und faires Training ebenso wichtig ist wie mir.

Aber dann kam die Vorschau mit dem Kurzhaar-Collie Milo vom 2.11.2019. Das im Trailer gezeigte Verhalten gegenüber Menschen ähnelte so sehr dem von Shadow, meinem 1 1/2 jährigen Aussie, zu seinen Anfangszeiten. Und so schaltete ich doch wieder einmal ein. Vielleicht bekam ich ja noch ein paar neue Trainingsideen.

Leider blieb es beim Wunsch. Denn das, was ich dort sah, war so gar nicht mein Weg. Zudem erkannte man viele Trainingsfehler, die einem Trainer, welcher als Hundeprofi bekannt ist, nicht unterlaufen dürfen. Ganz besonders nicht in einem solchen Fall, wo das Ergebnis so einschneidend für Mensch und Hund sein würde.

Eigentlich hätte es damit Schluss sein können. Aber ich möchte die obigen Aussagen nicht einfach im Raum stehen lassen. Dies nicht um Trainer-Bashing zu betreiben, sondern um zu zeigen: Glaub nicht alles was gesagt wird, sondern schau genau hin, was passiert und wie es dir und deinem Hund beim Training geht – egal ob beim Profitrainer oder beim Trainer deines Vereins.

Dein Hund kann sich nicht wehren, wenn es so wie hier läuft, aber du!

*****

Das Ganze fängt bereits damit an, dass der Hund in der Sendung auf dem ersten Spaziergang bewusst mehrmals schwierigen Begegnungssituationen ausgesetzt wird. Dies obwohl aus Vorgesprächen bereits bekannt war, dass ihn diese überfordern und er irgendwann gegen die fremden Menschen agieren wird. Welchen Mehrwert hatten diese Auslöser für das spätere Training?

Einem guten Trainer reicht es, die Signale zu sehen, die auf die beginnende Überforderung hindeuten. Denn diese sind es, auf die das zukünftige Training aufbauen muss.

Hat der Hund bereits ausgelöst, kommt jeder gute Trainingsansatz zu spät. Sein Gehirn ist in dem Moment nicht mehr aufnahemfähig und der Hund reagiert nur noch reflexartig. Ausserdem muss er ein weiteres Mal die Erfahrung machen, dass seine Signale vor dem Auslösen nicht beachtet werden.

Und wozu der Test im Beisein der Besitzerin, ob Milo auch auslöst, wenn ihn der Trainer hält? Dass er dies tut, hat er ja bereits gezeigt, als ihn die Betreuerin am Rollstuhl führte.

Als der Trainer daraufhin die Tests alleine durchführte, zeigte sich schnell, dass Milo auch ohne Besitzerin auf die entgegenkommenden Fussgänger reagiert (trotzdem wird ihm später eine sozial motivierte Aggression attestiert). Und wiederum wird er solange in der Situation belassen, bis ihn die Nähe des Menschen so überfordert, dass er gegen diesen agiert.

Ein positiv arbeitender Trainer hätte bereits auf die ersten Signale des Hundes reagiert. Er hätte ihn für diese feinen Signale und das (noch) ruhig bleiben gelobt und wäre anschliessend mit ihm auf Distanz gegangen. So hätte er nicht nur das Auslösen verhindert, sondern hätte dem Hund auch gleich eine bessere Lösungsmöglichkeit gezeigt.

Auch darf man nicht vergessen, dass Milo bereits einige für ihn anstrengende Begegnungs­situationen hinter sich hat, die viel von seiner Impulskontrolle verbraucht haben. Da reagieren die meisten Hunde gerne mal sensibler als sonst.

Und dann die Szenen auf der Bank.
Wieder wird Milo so lange provoziert, bis er ein unerwünschtes Verhalten zeigt – hier in Form von Knurren. Daraufhin stösst der Trainer mit der bereitgehaltenen „Klauenhand“ seitlich gegen Milo’s Hals. Da hier Timing und Intensität der Korrektur stimmt unterbricht Milo aufgrund des Schreckmoments das Verhalten auch prompt.

Es stellt sich jedoch die Frage weshalb wird Milo solange mit dem Auslöser konfrontiert bis  er reagiert und man ihn massregeln kann. Denn selbst wenn der Sprecher diese Korrektur„als Grenze setzen“ bezeichnet, es ist und bleibt eine Strafe (Strafe = unangenehmes Einwirken damit ein Verhalten stoppt). Da hätte man genauso viel Zeit gehabt, ihn in dieser Situation zu unterstützen.

Während diese erste Massregelung zumindest „lerntheoretisch“ korrekt war, stimmt dies für die nachfolgenden Korrekturen nicht mehr.

Denn selbst als Milo ein gutes Verhalten zeigt indem er den Trainer anschaut, erklingt zweimal ein „Nein“ und einmal ein „Schluss“. Aufgrund dessen wendet sich Milo wieder dem entgegenkommenden Menschen zu, bleibt dabei aber erst einmal ruhig. Trotzdem setzt der Trainer Leinenrucks ein, worauf Milo kurz bellt und danach wieder knurrt – sicherlich auch provoziert durch die weitere Annäherung des Auslösers.

Wie soll Milo je verstehen, was richtig und was falsch ist, wenn praktisch jedes gezeigte Verhalten korrigiert wird?

Zudem wartet ein positiv arbeitender Trainer nicht auf ein schlechtes Verhalten, sondern achtet auf alle guten Verhalten davor und verstärkt (belohnt) diese durch eine funktionale Belohnung – hier wäre dies zum Beispiel Beibehaltung oder Schaffung der Wohlfühldistanz.

In der Sendung jedoch werden selbst offensichtlich gute Verhalten nicht beachtet. So wie auch in der nächsten Sequenz, als Milo beim erneuten Auftauchen des Mannes klares konfliktverminderndes Verhalten zeigt. Doch weder der Trainer noch der sich nähernde Mann beantworten diese durch eigenes deeskalierendes Verhalten und Distanzwahrung.

Was bleibt da Milo anderes übrig, als sich wieder mit dem entgegenkommenden Mann auseinanderzusetzen. Dabei bleibt er aber ruhig. Und trotzdem wird auch dieses gute Verhalten durch den Trainer mit einem „Nein“ belegt – ja, ich weiss, er wollte verhindern, dass er auslöst. Die Korrektur kommt aber trotzdem in das gute Verhalten hinein.

Als gezeigt wird wie der Trainer wieder seine Hand anspannt (wo war da der Kameramann?), wendet sich Milo dem Trainer zu. Und nun wird er das erste Mal draussen gelobt – ob Milo das Streicheln jedoch tatsächlich als Belohnung versteht, sei mal dahingestellt. Denn auch hier gilt, es ist immer der Empfänger, der entscheidet, ob er etwas als Belohnung sieht.

All die Signale wie Knurren, Körperanspannung und Fixieren, welche Milo bis hierhin gezeigt hat und später auch beim anderen Trainer zeigt, sind klare Indizien dafür, wie unwohl Milo sich in all diesen Situationen fühlt.

In der Sendung selbst wurde ja auch mehrmals erwähnt, dass das Verhalten von Milo aus Unsicherheit entstanden ist (und das erste Mal nach der Kastration auftrat). Das später erwähnte Territorialverhalten ist hier jedoch nirgends zu erkennen. Und dieses ist für mich auch nicht sehr wahrscheinlich bei einem Hund, der in seinem Haupt-Teritorium, der Wohnung, so freundlich auf alle Menschen reagiert.

Aber statt Milo’s Kommunikation als das zu sehen was sie ist, nämlich seine einzige Möglichkeit, sein Bedürfnis nach Sicherheit und Distanz auszudrücken, wird er für diese immer wieder bestraft.

Beschäftigt man sich mit der Eskalationsleiter, so ist schnell klar, dass ihm danach nicht mehr viele Möglichkeiten offenstehen, um sich die Bedrohung vom Leib zu halten, die für ihn real existiert. Und so ist das Auslösen am Ende die logische Konsequenz auf das Nichtbeachten bzw. Unterdrücken seiner vorgängigen Signale.

Was am Ende auch zur Aussage des Trainers führt, dass mit Milo nie entspannte Spaziergänge möglich sein werden, da egal bei welchem Besitzer, dieser immer alles im Auge behalten müsse, um jederzeit eingreifen zu können (was hier vermutlich eine weitere Korrektur bedeutet)

Hätte man jedoch einen Trainingsansatz gewählt, welcher positives Verhalten verstärkt, gute Alternativverhalten lehrt und durch Management weitere Auslösemomente so weit als möglich verhindert, dann wären über kurz oder lang entspannte Spaziergänge möglich gewesen.

Weshalb ich dies weiss? Einerseits habe ich dies schon bei vielen Kundenhunden miterleben dürfen und andererseits habe ich genau dies mit Shadow erreicht.

Im Gegensatz zu Milo hatte Shadow aber noch einige Baustellen mehr. Denn für ihn waren fremde Menschen drinnen genauso schlimm wie draussen. Dabei fakelte er schon als Welpe nicht lange, sondern attackierte jeden Menschen, den er erblickte – und nein, es ist nicht lustig, wenn die Menschen wegen eines Welpen auf die Strasse springen. Aber auch Autos und Fahrräder blieben nicht verschont.

Dank der Instrumente aus der positiven Werkzeugkiste hat Shadow jedoch gelernt, sich in Gegenwart von fremden Menschen zu entspannen.

Wenn es für ihn doch mal zu schwer ist, macht er mich selbst darauf aufmerksam und wird für dieses Verhalten doppelt belohnt – einmal durch das eigenständige Abwenden von der Gefahr und zweitens durch ein Lob und oft auch einen Keks von mir. Und wenn ich merke, dass er es diesmal evt. nicht schaffen könnte, habe ich genügend Signale aufgebaut, mit denen ich ihn auch in schwierigen Begegnungen ansprechbar bekomme und er auf meine weiteren Signale reagieren kann.

Und löst er doch mal noch in einer der seltenen Momente aus, dann so, dass es rückwärts gerichtet bleibt und die Menschen nicht mehr vor ihm erschrecken.

*****

Die Werkzeuge, die ich dabei genutzt habe, wie Gegenkonditionierung, Marker und Desensibilisierung sowie die Verwendung funktionaler Verstärker kann jeder lernen und für sich und seinen Hund nutzen. Und ja, das braucht etwas Zeit und Geduld und natürlich das entsprechende KnowHow, diese Werkzeuge richtig anzuwenden.

Aber der Einsatz des positiven Trainings lohnt sich auf jeden Fall. Denn mit jedem Spaziergang ohne Auslöser wächst die Zuversicht und die Sicherheit des Hundes – und auch die seines Menschen. Und dank der bedürfnisgerechten Belohnungen wird sich der Hund auch immer häufiger von sich aus für das gewünschte Alternativverhalten entscheiden. Denn je mehr positive Erfahrungen der Hund damit gemacht hat, desto besser fühlt sich dieses für ihn an und desto schneller klappt es im Alltag.

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Hunde lernen wie wir durch Erfahrungen – sowohl durch gute als auch schlechte. Deshalb trag Sorge dafür, dass dein Hund in erster Linie positive Erfahrungen machen darf, die gute Gefühle auslösen.

© 2019 – Teamschule – Monika Oberli

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