Der weiss genau, was er getan hat!

Kennst du das? Du freust dich auf den Feierabend und auf einen gemütlichen Spaziergang mit deinem Hund. Aber irgendetwas stimmt nicht: dein Hund erwartet dich nicht wie üblich freudestrahlend an der Tür. 

unordnungAuf der Suche nach ihm fällt dein Blick in die Küche und dich trifft der Schlag:
In der ganzen Küche verteilt liegt der Inhalt deines Abfalleimers, die Tüten sind geleert und die Kissen der Küchenstühle zerfleddert.

Nach dem Missetäter musst du nicht lange suchen. Der liegt gleich nebenan und schaut dich mit schuldbewusstem Blick an.

Gewissen_4Bis jetzt hast du dich vor allem über deine Vergesslichkeit geärgert. Aber als dein Hund nun auch noch zu wedeln beginnt, sich auf den Rücken legt und auf lieb Hund macht, wirst du richtig wütend und beginnst mit ihm zum schimpfen. Sein Verhalten zeigt dir ja mehr als deutlich, dass er weiss, was er getan hat.

Wie zum Hohn leckt er sich nun auch noch über die Lefzen. Bestimmt war da noch ein Krümel dran.

Enttäuscht und wütend gehst du in die Küche und machst dich ans Aufräumen. Die Annäherungsversuche deines Hundes blockst du ab, denn im Moment wünscht du ihn dir irgendwohin nur nicht bei dir.

Schau dir nur diesen Blick an – der weiss doch genau was er getan hat!

Hast du dieses Verhalten bei deinem Hund auch schon erlebt? Wenn ja, in welchen Situationen?
Oder hast du dich auch schon über Videos wie das folgende amüsiert, auf denen lauter schuldbewusste Hunde und ihre Missetaten zu sehen sind:

https://www.youtube.com/watch?v=SLOXPXQJVZQ
Ich verspreche dir, dass du am Ende dieses Beitrages das Verhalten deines Hundes und die Szenen im Video mit ganz anderen Augen sehen wirst.

Das Experiment – wie schuldbewusst ist dein Hund?

2008 wollte Alexandra Horowitz vom Barnard College (New York) wissen, was es mit dem schuldbewussten Verhalten unserer Hunde auf sich hat. Dabei interessierte sie vor allem, ob das Verhalten des Besitzers einen Einfluss darauf hat, wie der Hund reagiert, wenn er was Verbotenes gemacht hat.

0_napf

Um dies zu testen, führte Horowitz einen Test mit 14 Hunden durch, dessen Ergebnis sie 2009 veröffentlichte.

Für das Experiment befanden sich

  • ein Hund
  • sein Besitzer
  • ein Betreuer
  • sowie ein gefüllter Napf in einem Raum

Der Besitzer hatte nun die Aufgabe, dem Hund zu verbieten, das Futter zu fressen und anschliessend den Raum ohne Hund zu verlassen.

Nach einer vorbestimmten Zeit kam er zurück und sah entweder einen vollen oder leeren Napf vor sich. Was er jedoch nicht wusste, war, dass das Bild nicht zwingend der Wahrheit entsprach.

Denn im Raum blieb nicht nur der Hund zurück sondern auch der Betreuer. Und dieser beeinflusste das Ergebnis dadurch, dass er 

  • den vom Hund geleerten Napf wieder auffüllte
  • den vollen Napf selbst leerte
  • oder den Napf nicht anrührte, egal ob ihn der Hund geleert hatte oder nicht

Die Besitzer wussten jedoch nichts davon und konnten dadurch das Experiment weder bewusst noch unbewusst beeinflussen. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis:

napfDer Besitzer findet einen leeren Napf vor
Und wie erwartet zeigen die meisten Hunde beim Hereinkommen ihres Menschen ein schuldbewusstes Verhalten, die Ohren sind angelegt und sie begrüssen ihn entweder kaum oder ganz verhalten.

Überraschend ist jedoch, dass auch die Hunde so reagieren, welche den Napf nicht geleert haben. Zum Teil fiel ihre Reaktion sogar noch stärker aus, je gehorsamer sie im Alltag waren. 

napf1Der Besitzer findet  einen vollen Napf vor
Hier werden die Besitzer nach ihrer Rückkehr freudig von ihren Hunden begrüsst. Und es ist deutlich zu erkennen, dass sie sich nichts zu schulden haben kommen lassen.

Und zwar unabhängig davon, ob sie den Napf tatsächlich in Ruhe gelassen haben oder der Betreuer ihn wieder gefüllt hat.

Dieses Ergebnis bestätigte die Vermutung, dass das Verhalten des Besitzers einen weitaus grösseren Einfluss auf die Reaktion des Hundes hat, als die eigentliche „Tat“.

Ist der Mensch entspannt, ist es auch der Hund.
Ä
rgert sich der Besitzer, so zeigt sich der Hund „schuldbewusst“. 

Auch wenn dies alleine aufgrund des obigen Experiments natürlich nicht bewiesen ist, so kennen dies vermutlich die meisten von uns auch aus anderen Situationen.

Aber stimmt der schuldbewusste Eindruck wirklich?

Schauen wir uns doch das nachfolgende Bild einmal etwas genauer an. Welche Signale erkennen wir:

  • schuldbewusstDer Rücken ist rund und seitlich weggekippt
  • Der ganze Hund wirkt wie zusammengesunken
  • Die Augen sind gross und er schielt nach oben
  • Die Augenbrauen sind hochgezogen
  • Die Stirn liegt in Falten
  • Die Ohrwurzeln sind angespannt, die Ohren hängen

Das sind doch alles typische Zeichen für einen Hund, der sich ertappt fühlt und dem sein Schuldbewusstsein mehr als deutlich anzusehen ist.

Aber das ist leider allzu menschlich gedacht. Dieser Hund zeigt all dies nicht, weil er sich schuldig fühlt, sondern weil ihn die Haltung und der Blick seines Menschen verunsichern. Und er versucht daher, sich möglichst klein zu machen, um sein Gegenüber durch seine Signale der Beschwichtigung zu besänftigen und so zu verhindern, dass aus der Drohung ein Angriff wird. 

Schlechtes Gewissen?

Marlow reagiert hier so, weil ihn sein Frauchen mit dem Handy aufnimmt

Hier zwei weitere Bilder von Hunden die deutlich zeigen, wie sehr sie die Situation stresst und verunsichert, in der sie sich gerade befinden.

Schimpft aber nun der Besitzer noch zusätzlich mit seinem Hund, weil er diese Zeichen irrtümlich als Schuldeingeständnis oder Ignoranz interpretiert, so wird der Hund noch mehr Signale der Beschwichtigung aussenden und dadurch noch unterwürfiger und schuldbewusster wirken.

Denn Zusammen mit den Stress- und Konfliktsignalen sind es wichtige Kommunikationselemente mit denen Hunde ihre augenblickliche Befindlichkeit ausdrücken, ohne diese jedoch bewusst einzusetzen. Dabei handeln sie im Hier und Jetzt und denken nicht daran, was war, noch was sein könnte.

Aber weshalb reagieren denn auch Hunde schuldbewusst, deren Menschen nicht schimpfen?

Selbst wenn wir es nicht wollen, so spannen wir uns innerlich vielleicht doch leicht an, halten für den Bruchteil einer Sekunde die Luft an oder begrüssen unsere Hunde nicht so fröhlich wie sonst.
Und da ja Hunde bekanntlich Meister im Lesen unserer Körpersprache sind, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie selbst die feinsten Signale realisieren und darauf reagieren.

Möglich ist aber auch, dass die Hunde aufgrund früherer Erfahrungen gelernt haben: herumliegender Müll = verärgerter Besitzer.

Dass der Besitzer mit ihm schimpft, weil er, der Hund, vor Stunden den Müll ausgeräumt hat, ist für ihn zu abstrakt und daher nicht nachvollziehbar (man denke an die 2 Sekunden Regel und dass immer das zuletzt gezeigte Verhalten belohnt bzw. bestraft wird).

Ich war’s nicht

Viele  Mehrhundehalter kennen bestimmt auch diese Situation: Der Verursacher des Chaos begrüsst ihn freudig, während der sensible, unschuldige Hund sich in die Ecke drückt und sich kaum zu bewegen traut.

In all diesen Fällen reagieren die Hunde auf aktuelle oder frühere Reaktionen ihrer Besitzer. Und je angespannter und wütender dieser ist, desto deutlicher werden auch seine Stress- und Beschwichtigungssignale. Und so beginnt ein Teufelskreis.

Kennen Hunde in dem Fall kein Schuldbewusstsein?

Dieses alles beweist natürlich nicht, dass Hunde nicht auch Schuldgefühle entwickeln können. Es existiert aber auch noch kein Beweis dafür, dass sie ein Schuldbewusstsein haben und wenn doch, worauf sich dieses bezieht.

Für mich ist es jedoch nicht nachvollziehbar, dass Hunde ein schlechtes Gewissen für etwas entwickeln sollen, welches in ihrer Welt nicht falsch ist wie Futter zu fressen, das niemand sonst beansprucht oder einen Rivalen zu vertreiben.

Und ganz bestimmt machen sie nichts davon um uns zu ärgern:

  • Zerstören von Objekten
  • Fressen von vorhandener Nahrung (menschlich oder tierisch)
  • Pinkeln in der Wohnung

Und noch weniger um uns zu bestrafen oder in der Hierarchie nach oben zu steigen.

Dass auch Hunde Gefühle und Stimmungen haben, ist längst wissenschaftlich akzeptiert. Aber Schuldgefühle, Neid in unserem Sinne oder Niederträchtigkeit wurden bis jetzt nicht beschrieben. 

Aber weshalb macht er denn all diese Dinge?

Sehr oft verbirgt sich hinter diesen Verhalten „Trennungsstress“. Oder aber dein Hund war viel zu lange alleine und er hat sich eine Beschäftigung gesucht.

Gewissen_8

Ich war zu lange alleine 😦

Deshalb schau genau hin, wenn dein Hund solche Verhalten zeigt. Und überleg dir, was du ändern kannst, damit es ihm besser geht.

Meine Ausführungen konnten hoffentlich zeigen, dass es den schuldbewussten Hund nicht gibt.  Und dass das, was wir als Schuld ansehen, in Wirklichkeit ganz oft Beschwichtigungs- und Konfliktsignale sind, welche unsere Hunde als Reaktion auf unser Verhalten aussenden und nichts mit der vergangenen Tat zu tun haben.

Und deshalb gilt es zu verstehen, dass uns ein Hund seine Befindlichkeit nur in seiner Sprache zeigen kann. Es liegt an uns, sie richtig zu verstehen und sein Verhalten nicht nach unseren Massstäben und unseren Wertvorstellungen zu bemessen.

Und wenn du magst, schau dir das obige Video nun noch einmal mit dem jetzigen Wissen an. Kannst du die Stress- und Unsicherheitssignale erkennen?

Vielen Dank an dieser Stelle auch an Alle, die mir ihre Bilder für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt haben.

© 2019 – Teamschule – Monika Oberli

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Blogparade „FAIR statt fies“, in der jeden Tag ein Artikel von einem namhaften Trainer und/oder Blogger veröffentlicht wird. Diese handeln allesamt vom achtsamen Umgang mit unseren Hunden und bilden einen Gegenpol zu den aversiven Trainings wie sie unter anderem auch in bekannten Fernsehshows gezeigt werden. 

Weiterführende Lektüre

Ein Gedanke zu “Der weiss genau, was er getan hat!

  1. Pingback: FAIR statt fies - die Blogparade - Knowwau

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