Dein Hund braucht 1’000 Wiederholungen

…um ein neues Signal oder Verhalten zu lernen.

Bestimmt hast du das auch schon gehört und bist erschrocken. Denn wie sollst du das zeitlich schaffen? Erst recht, wenn du dir überlegst, was du ihm alles beibringen willst.

Diese Zahl muss dir keine Angst machen. Denn damit ist nicht gemeint, dass es 1’000 Wiederholungen braucht, bis dein Hund das neue Verhalten in einfachen Situationen und mit wenig Ablenkung kann. Aber es heisst, dass das ihr das was ihr Zuhause oder auf ruhigen Spaziergängen geübt habt, anschliessend auch an vielen anderen Orten und mit unterschiedlichen Ablenkungen weiter trainieren müsst, damit es dein Hund auch in schwierigen Situationen kann.

Ablenkung.jpg

Schauen wir uns dies doch mal anhand eures Rückrufs an
Du hast deinem Hund gezeigt, dass es sich lohnt auf deinen Pfiff zu dir zurückzukommen. Und er macht das auch so toll… bis am Ende des Weges ein anderer Hund auftaucht, da ist er auf einmal taub. Und du bist enttäuscht, denn er hat doch gehört, dass du gepfiffen hast und er weiss, dass er dann zurückkommen soll.

Und schon sind wir mitten im Thema.

Weil du deinen Hund bestimmt schon 100 Mal gerufen hast, wenn ihr alleine unterwegs wart und er auch immer gekommen ist, denkst du, er hat das Rückrufsignal verstanden.

Dein Hund hingegen hat verstanden:
Ich bin mit meinem Menschen unterwegs und weit und breit ist Niemand zu sehen. Ab und zu pfeift er ganz laut in so ein komisches Ding. Das macht Spass, denn dann lauf ich ganz schnell zu ihm und wir machen was Tolles zusammen.
Manchmal pfeift er aber auch, wenn in der Ferne ein Hund oder ein Jogger auftaucht. Da nehm ich den Pfiff aber nur am Rande wahr und es klingt so ganz anders als sonst… dieser Ton sagt mir nichts. Dazu muss ich aufpassen, was der andere Hund macht.

Was bedeutet dies nun für dich?
Lehre deine Hund, dass er auch zurückkommen kann, wenn du in spannenden Situationen pfeifst. Mach aber nun nicht gleich einen Sprung von 0 auf 100. Denn das schafft dein Hund nicht.

Hier ein paar Ideen wie du den Rückruf langsam steigern kannst:

  1. Rufe ihn, bevor er ein Grasbüschel erreicht, an dem er gerade riechen will
  2. Rufe ihn vom Grasbüschel ab, an dem er gerade riecht
  3. Ruf ihn ab, wenn dein Hund einen anderen Hund sieht, der aber noch weit genug weg ist (verringere die Distanz langsam weiter)
  4. Ruf ihn von einem geworfenen Spieli (Keks) ab
  5. Ruf ihn zu dir, wenn er einen Vogel in der Ferne sieht
  6. Ruf ihn aus einer ruhigen Hundebegegnung ab
  7. Ruf ihn zu dir, während andere Hunde in eurer Nähe spielen
  8. Ruf ihn zu dir, während er mit anderen Hunden spielt

Ergänze diese Liste mit Situationen die es deinem Hund schwerer machen, auf deinen Rückruf zu reagieren und trainiere anschliessend diese Ablenkungen eine nach der anderen.

Formuliere diese Aufgaben als möglichst SMARTe Ziele (Klick auf den Link um mehr darüber zu erfahren)

Tipp: Notier dir die Ablenkungen auf eine Liste, geordnet nach ihrer Schwierigkeit und häng die Liste an deinen Kühlschrank. Dann nimmst du dir jede Woche eine oder zwei dieser Ablenkungen vor – angefangen bei der leichtesten – und trainierst diese jeden Tag und an unterschiedlichen Orten. So hast du ein klares Trainingsziel und siehst auch immer wie viel ihr schon erreicht habt.

Wichtige Hinweise zum Training

Wie bei jedem Training gilt es auch beim Rückruf einige Regeln zu beachten:

  • Verändere nicht mehrere Merkmale gleichzeitig (z.B. viel Ablenkung und fremder Hund)
  • Reduziere deine Erwartungen wie schnell dein Hund zurückkommt, wenn du ein Merkmal neu dazu nimmst
  • Stelle sicher, dass dein Hund möglichst fehlerfrei lernen darf
  • Steigere die Anforderungen sobald dein Hund mit der neuen Ablenkung sicher auf deinen Rückruf zurückkommt
  • Rufe ihn auch immer wieder in einfachen Situationen

Konzentriere dich aber nicht nur auf das Training, sondern mach auch ganz viele tolle Sachen mit deinem Hund, die euch beiden Spass machen.  Lass deinen Hund jedoch auf euren Spaziergängen auch einfach mal nur Hund sein, im Unterholz schnüffeln, über Baumstämme balancieren und mit anderen Hunden interagieren.

Belohnung – bedürfnis- und situationsgerecht
Verwende während eurer Trainings Belohnungen, die dem augenblicklichen Bedürfnis deines Hundes entsprechen. Denn selbst ein Hund, der seine Kekse liebt, möchte vielleicht nach dem Rückruf lieber weiterspielen als einen trockenen Keks bekommen.

Und ein geworfenes Spieli  ist die bessere Belohnung  als ein ins Maul gegebener Keks, wenn der Hund gerade vor einem Jagdversuch abgerufen wurde. Weitere Ideen findest du hier 

Tipp: Ergänze deine Liste der Ablenkungen jeweils mit 2 Belohnungen, die dazu passen. Z.B. Abruf aus dem Spiel mit anderen Hunden – Zurückschicken ins Spiel oder Spiel mit dir / Abruf von Katzensichtung – einem geworfenem Spieli/geworfenem Leckerchen nachrennen oder Zerrspiel mit dir / Abruf vom Schnüffeln am Mäuseloch  – wieder zurückschicken oder ausgestreute Leckerchen erschnüffeln lassen.

Belohne ihn immer hochwertig! Dann bleibt die Motivation deines Hundes hoch, auch bei der nächsten Schwierigkeitsstufe das Gewünschte zu machen. 

1’000 oder noch mehr Wiederholungen braucht dein Hund
Ja, aber nicht 1’000 gleichbleibende. Denn wenn du etwas zu lange immer auf die gleiche Art übst, wird sich genau dieses Verhalten im Kopf deines Hundes einprägen. Dann wird er später zum Beispiel „Sitz“ immer nur verstehen, wenn du genau vor ihm stehst und ihn anschaust.

Deshalb ist es wichtig, das Training abwechslungsreich zu gestalten und immer wieder kleine Dinge zu verändern, so dass der Hund mit der Zeit zu verstehen beginnt, was bei allen Veränderungen immer gleich bleibt – dein Signal für das Sitz. Und dann muss er auch noch lernen, dass es keine Rolle spielt, wo ihr euch gerade befindet oder wer bzw. was noch in eurer Nähe ist, wenn du das Signal gibst.

Das liegt aber nicht daran, dass dein Hund dumm ist. Sondern dass das Generalisieren* nicht so einfach ist. Das gilt aber nicht nur für unsere Hunde, auch wir müssen bei zwei oder mehreren gleichzeitig auftretenden Signalen, welche nichts miteinander zu tun haben, erst einmal herausfiltern, welches das relevante ist.
Im negativen Fall generalisieren wir viel schneller und müssen diese Generalisierung wieder auflösen: Denn nicht jedes Summen eines Insekts bedeutet, dass wir gleich gestochen werden. Denn vielleicht ist es nur eine harmlose Fliege.
*Generalisieren = ein gelerntes Verhalten wird immer und überall auf das gleiche Signal gezeigt

Was bedeutet das nun für euer Training
Du willst deinem Hund dein Signal für „Sitz“ beibringen. Dieses soll aus der erhobenen Hand und dem Wort „Sitz“ bestehen. Und selbst wenn du es noch so genau machst, wird dein Hund erst einmal noch ganz viele andere Signale gleichzeitig wahrnehmen:

  • Du stehst ihm gegenüber
  • Du schaust ihn an
  • Du atmest ein und ziehst die Augenbrauen hoch
  • Dein Arm geht nach oben
  • Du sagst was
  • Du trägst einen roten Pullover
  • Draussen bläst der Wind
  • Ihr seid in der Küche
  • Er steht auf dem Boden
  • Er sitzt auf einem Steinboden
  • ….

Du siehst also, sehr viele Merkmale, die für den Hund gleichzeitig da sind. Welches davon soll er nun als Signal für das „Sitz“ verstehen?

Und während ich dir etwas mit meinen Worten so lange erklären kann, bis du mich verstehst, muss dein Hund aus den unzähligen Signalen, die er gleichzeitig wahrnimmt,  erst einmal herauszufiltern versuchen, welches das wesentliche ist.

Das kann er nur, wenn du du im Laufe des Trainings all die unwichtigen Merkmale immer und immer wieder veränderst oder ganz weglässt.

Tipp: Film dich (oder lass dich beobachten), wenn du deinem Hund das Sitzsignal gibst und schau dir anschliessend an, was in diesem Moment sonst noch bei dir zu sehen ist. In meinen Stunden gibt es da immer wieder grosse Aha-Erlebnisse und die anwesenden TN verstehen, weshalb die Hunde das vermeintlich vertraute Signal manchmal nicht ausführen können.

Deshalb, sobald dein Hund den aktuellen Schritt im Training dreimal erfolgreich gelöst hat, beginne kleinste Dinge zu verändern (Achtung: auch hier gelten die gleichen Regeln wie oben genannt):

  • Verändere deine Position zu ihm – leicht seitlich, sitzend statt stehend
  • Verändere den Ort – von der Küche ins Wohnzimmer, in den Garten…
  • Vergrössere langsam die Distanz zu deinem Hund
  • Trage unterschiedliche Dinge
  • Nimm andere Personen dazu
  • Lege Gegenstände in seine Nähe

Rechnest du nun all diese Dinge zusammen:

  • Klarheit der Signale
  • Training in steigender Ablenkung
  • Training an verschiedenen Orten
  • Vertiefen und ggf. verbessern des Gelernten

ist es nachvollziehbar wie die hohe Zahl an Wiederholungen zusammenkommt.

Da du aber im Laufe eurer Trainings den Schwierigkeitsgrad immer mehr erweiterst, kommst du Schritt für Schritt immer ein Stückchen näher zum Wunschverhalten.

Achte dich aber im Alltag darauf, von deinem Hund immer nur so viel zu verlangen, wie ihr an diesem Ort und bei dieser Ablenkung schon trainiert habt.

Und für alles Andere: lass ihn an der Schleppleine, wenn der Rückruf noch nicht gelingt, verlang kein „Sitz“ von ihm, wenn du weisst, dass er es hier noch nicht kann, lass Dinge aus, die für deinen Hund noch zu schwer sind… Und setz sie stattdessen auf deinen Trainingsplan.

Und du wirst sehen, dein Hund lernt viel erfolgreicher!

Weitere Informationen zu diesem Thema:

(c) 2019 TeamSchule – Monika Oberli

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