Mein Hund hat ein schlechtes Gewissen…

Hat er das wirklich?

Du freust dich auf den Feierabend und auf einen gemütlichen Spaziergang mit deinem Hund. Aber irgendetwas stimmt nicht, dein Hund steht nicht wie sonst freudestrahlend an der Tür. Dein erster Gedanke: „Hoffentlich ist ihm nichts passiert“. Doch ein Blick in die Küche zeigt dir den den wahren Grund. Fein säuberlich liegt hier der Inhalt des Abfalleimers auf dem Boden verteilt und die Küchenstühle stehen ohne Kissen da.

Zwar ärgerst du dich erst einmal darüber, dass du vergessen hast, die Küchentür zu schliessen. Aber noch wütender bist du auf deinen Hund, der das gleich so schamlos ausgenutzt hat. So oft wie du schon mit ihm deswegen geschimpft hast, müsste er doch inzwischen wissen, dass er das nicht darf.

Gewissen_8Und wie recht du damit hast. Denn aus dem Körbchen schaut dich dein Hund schon ganz schuldbewusst an.

Das macht dich noch wütender, beweist es doch, dass er ganz genau weiss, was er angestellt hat. Entsprechend reagierst du auch. Nun wedelt dein Hund auch noch, legt sich auf den Rücken und macht auf lieb Kind. Und wie zum Hohn leckt er sich über die Lefzen, da war bestimmt noch ein Krümmel dran. Enttäuscht gehst du in die Küche und machst dich ans Aufräumen. Deinen Hund willst du im Moment weder sehen noch hören und ignorierst all seine Annäherungsversuche.

Wissen Hunde wirklich, dass sie etwas in unseren Augen Falsches gemacht haben?

2008 untersuchte Alexandra Horowitz vom Barnard College (New York) was es mit dem schuldbewussten Blick unserer Hunde auf sich hat. Dabei lag ihr Hauptaugenmerk auf dem Verhalten der Hundes in Bezug auf die Reaktion ihrer Besitzer.

Für das Experiment wurde den Hunden ein Napf mit Futter vorgesetzt. Der Besitzer musste nun seinem Hund verbieten das Futter zu fressen und anschliessend den Raum verlassen. Nach einer vorbestimmten Zeit kam er zurück und und sah entweder einen vollen oder einen leeren Napf. Was er aber nicht wusste, dass das Bild nicht immer der Wahrheit entsprach.

Denn im Raum war neben dem Hund noch eine weitere Person anwesend. Diese nahm insofern Einfluss auf das Experiment indem sie entweder

  • nichts tat 
  • den durch den Hund geleerten Napf wieder auffüllte
  • den vollen Napf selbst leerte, so dass der Besitzer annehmen musste, sein Hund hätte es trotz Verbot gefressen

Die Besitzer wussten jedoch nichts davon und konnten so das Experiment weder bewusst noch unbewusst beeinflussen.

Ergebnis
Wie erwartet, zeigten die Hunde, deren Napf nach dem Fressen nicht wieder aufgefüllt wurde, das dem Besitzer bekannte Verhalten. Überraschenderweise wirkten aber auch diejenigen Hunde, deren Napf durch den Betreuer geleert wurde, schuldbewusst. Die Signale waren um so deutlicher, je gehorsamer der Hund war.

Dem gegenüber reagierten die Hunde, deren Napf nach der Rückkehr noch voll war, neutral oder freudig auf ihren Besitzer. Egal ob sie das Futter gefressen hatten oder nicht.

Fremdsprache Hündisch

Der „schuldbewusste“ Hund

Dieses Ergebnis lässt darauf schliessen, dass der Hund auch in anderen Situationen ein beschwichtigendes Verhalten zeigen wird, wenn der Besitzer signalisiert, dass der Hund etwas Verbotenes gemacht hat.

Mancher Mehrhundehalter kennt aber sicherlich auch diese Fälle: Einer der Hunde hat den Abfalleimer ausgeräumt. Während der „Schuldige“ beim Nachhausekommen ganz unbeteiligt in seinem Körbchen liegt, zeigt sich der unschuldige, sensible richtig schuldbewusst.

Ich war’s ganz bestimmt nicht

Ich? Ich hab doch gar nichts gemacht!

Dieses alles beweist natürlich nicht, dass Hunde nicht auch Schuldgefühle empfinden können. Es existiert aber auch noch kein Beweis dafür, dass sie ein Schuldbewusstsein haben und wenn ja, für was.

Für mich ist es jedoch unlogisch, dass ein Hund ein schlechtes Gewissen für etwas entwickeln soll, das in seiner Welt nicht Falsch ist. Und ganz bestimmt macht er keine Dinge wie

  • Zerstören von Objekten
  • Fressen von vorhandener Nahrung (menschlich oder tierisch)
  • Pinkeln in der Wohnung

um uns zu bestrafen oder um eine höhere Stellung einzunehmen.

Viel nachvollziehbarer ist, dass der Virtuose im Lesen der Körpersignale, auf die feinen Signale seines Besitzers reagiert, die dieser meist unbewusst aussendet.
Denkbar ist aber auch, dass mancher Hund aufgrund früherer Lernerfahrungen weiss, dass sein Besitzer unangenehm reagiert, wenn Müll herumliegt. In beiden Fällen wird er dies jedoch nicht mit seiner eigenen, vergangenen Tat in Verbindung bringen.

Was zeigt uns der Hund denn statt des vermeintlichen Schuldbewusstseins wirklich?

Es ist sein natürliches Verhalten, um seinem Gegenüber zu signalisieren, dass er sich in der momentanen Situation nicht wohl fühlt.

Bestimmt hast du schon von den Calming Signals gelesen, den sogenannten Beruhigungs- und Beschwichtigungssignalen.

Zusammen mit den Stress- und Konfliktsignalen sind es wichtige Kommunikationselemente mit denen Hunde ihre augenblickliche Befindlichkeit ausdrücken ohne diese in der Regel bewusst einsetzen zu können. Sie handeln dabei im Hier und Jetzt und denken nicht was war, noch was sein könnte.

Schauen wir uns doch einmal an, welche dieser Signale wir bei einem „schuldbewussten Hund“ erkennen:


  • Blick abgewandt oder von unten nach oben (oft ist auch das Weiss in den Augen zu sehen)
  • Stirnrunzeln oder ganz glatt gezogene Stirn
  • Angelegte Ohren
  • Angespannte Maulwinkel
  • Geduckte evt. abgewandte Körperhaltung
  • Züngeln
  • Schmatzen
  • Auf den Rücken drehen
  • Übersprungshandlungen
  • ….

Ein Hund kann uns seine Befindlichkeit nur in seiner Sprache zeigen. Es liegt an uns, sie zu richtig verstehen und sie nicht nach unseren Massstäben und unseren Wertvorstellungen zu bemessen.

Gewissen_9

Jeder Hund hat dabei seinen eigenen Dialekt.

Meine Ausführungen konnten hoffentlich zeigen, dass es den schuldbewussten Hund nicht gibt.  Und dass das was wir als Schuld ansehen, in Wirklichkeit Beschwichtigungs- und Konfliktsignale sind, welche unsere Hundes als Reaktion auf unser Verhalten aussendet und nichts mit der vergangenen Tat zu tun haben.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an Alle, die mir ihre Bilder für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt haben.

© 2017 – Teamschule – Monika Oberli

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