Gehorsam in Perfektion?

kommen

Bist du nicht auch schon bei Rot über die Strasse gelaufen oder zu schnell gefahren, wenn du es eilig hattest? Und welches Kind unterbricht immer sofort sein Spiel, wenn die Mutter ruft?

Du lachst. Aber erwartest du nicht genau das von deinem Hund?

  • Er soll sofort kommen, wenn du ihn rufst, egal was er gerade macht oder ob er gerade von einem fremden Hund daran gehindert wird
  • Und wie oft hast du ihm schon gesagt, dass er dies und jenes nicht tun darf und nun hast du ihn schon wieder dabei ertappt

Du bist enttäuscht und verärgert, weil er sich nicht daran hält und fragst dich, was du falsch gemacht hast. Denn schliesslich hast du doch gelernt, dass dein Hund dir immer, überall und sofort gehorchen muss. Tut er das nicht, stellt er deine Position in Frage und testet dich aus.

Wenn du das jetzt nicht sofort unterbindest, wird es nicht mehr lange dauern und dein Hund tanzt dir auf der Nase herum. Auch dein Platz auf dem Sofa gehört schon bald der Vergangenheit an. Mit einem Wort, er macht dir deinen Rang streitig.

Gottseidank stimmt nichts von alledem. Neue Studien haben schon längst aufgezeigt, dass kein Hund bestrebt ist, die Weltherrschaft an sich zu reissen und genau so wenig die Herrschaft in eurer Beziehung.

Sein situativer Ungehorsam bedeutet auch nicht, dass er dich dominieren will. Er kann im Moment einfach gerade nicht gehorchen.

Dominanz, das Schreckgespenst jedes Hundehalters…oder etwa doch nicht?

Bevor wir dieser Frage nachgehen, schauen wir uns doch erst einmal an, was verhaltensbiologisch unter dem Begriff „Dominanz“ verstanden wird.
Dominanz ist keine feststehende Eigenschaft eines Lebewesens , sondern sagt etwas über die Beziehung zwischen zwei Lebewesen in der augenblicklichen Situation aus. Das heisst, einer der dominiert, zeigt in dem Moment ein Verhalten mit dem er seine Interessen  gegenüber einem Anderen durchsetzt und dies vom Anderen akzeptiert wird. Auch ist längst erwiesen, dass in Hunderudeln, im Gegensatz zu Primatengruppen, keine hierarchischen Strukturen gelebt werden, vielmehr sind diese in Familienstrukturen organisiert.

Schauen wir uns doch eure Beziehung im Hinblick auf diese Dominanz etwas genauer an:

WAS in eurem gemeinsamen Leben bestimmst du und WAS dein Hund?

Du entscheidest was und wann dein Hund fressen darf, wann ihr spazieren geht, wann er mit oder ohne Leine laufen darf und mit wem und wann er spielen darf, um nur ein paar zu nennen.

Wie viel dem gegenüber entscheidet dein Hund? Wann sagt er dir, was du zu tun und zu lassen hast?

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Sieht deine Waage so aus?

Wie ist es dann möglich, dass dein Hund dich dominiert? Doch eigentlich gar nicht, oder?

Daher gibt es auch keinen Grund, dass du deinem Hund nun seinen Rang klar machst, in dem du auf veraltete Rangordnungskonzepte zurückgreifst. Genau so wenig braucht es  nun eine härtere Hand oder strengere Massnahmen.

Was jedoch trägt zu einer Beziehung bei, in der der Hund gerne folgt
Wissenschaftlichen Studien nennen einige generelle Faktoren, welche die Bereitschaft dazu erhöhen. Der „Gehorsams“-Einfordende:

  • hat eine legitimierte Machtposition
    Wissen. Kompetenzen, Entscheidungsbefugnisse
  • kann Belohnungen gewähren
    Beschäftigungen, Leckerchen, Lob…
  • kann Zwang einsetzen
    Leine, Blockieren, Strafe…
  • hat sich als fähig erwiesen
    Souveräne Persönlichkeit mit Führungskompetenz, ist verlässlich, bietet Schutz und Bedürfnisbefriedigung  und kann mit Konflikten umgehen
  • ist wichtig und nachahmenswert für die Anderen
     hat Zugang zu Futter, besitzt Fähigkeiten und generelle Attraktivität
  • besitzt wichtige Informationen
    Wissen über das, was kommt, Einschätzen der Situation…

            Quelle für die Oberpunkte: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik 

Je mehr davon der Mensch in die Waagschale legen kann, desto interessanter und wichtiger ist er für seinen Hund und desto grösser ist auch dessen Bereitschaft, ihm zu folgen.

Denken wir an unsere Schulzeit zurück. Da gab es doch auch Lehrer, denen wir gerne zuhörten und bei denen wir selten schwänzten, weil sie uns durch ihre Persönlichkeit und/oder Fähigkeiten fesselten.

Und es gab Lehrer, die wir geärgert haben,  weil sie sich ärgern liessen, aber auch, weil wir nur wegen ihrer Position und nicht wegen ihrer Persönlichkeit und Fähigkeiten bei ihnen die Schulbank drückten.

Ungehorsam oder…
Wenn du das nächste Mal denkst, dein Hund ist ungehorsam, dann überlege dir, was die Gründe dafür sein könnten, dass er in dem Moment nicht auf dich hört.

Vielleicht

  • hat er dich nicht gehört
  • hast du es noch nicht ausreichend mit ihm trainiert
  • gibt es für ihn wichtige Gründe, dass er nicht gehorchen kann
  • ist die Ablenkung noch zu gross
  • spürt er deine Verärgerung
  • hat er gerade einen riesen Spass an dem was er macht
  • ist das was er macht, gerade immens wichtig für ihn
  • hat er durch dich gelernt, dass draussen alles Andere spannender ist
  • habt ihr zuwenig Gemeinsamkeiten

Und wirf alle Überlegungen über Bord, in denen es darum geht, dass dein Hund etwas macht, um dich zu ärgern oder deine Befugnisse zu untergraben. Das ist menschlich gedacht und nicht die Denkweise eines Hundes.

Was dein Hund von dir möchte
Dein Hund sucht nach deiner Führung, den Leitplanken und Regeln die in eurer Gemeinschaft gelten. Gib ihm diese fair und seinen Fähigkeiten und Ausbildungsstand angepasst.

Trainiere mit ihm aber auch das, was er noch nicht kann und festige es in allen möglichen Ablenkungssituationen. Lass ihn aber auch einfach mal Hund sein und seinen eigenen Bedürfnissen nachgehen. Für die Zeit, in der der Abruf noch nicht in allen Situationen klappt, kann er dies alles problemlos auch an der Schleppleine tun.

Biete ihm aber auch Schutz, wenn er diesen braucht und lauf nicht vor den Problemen weg, sondern unterstütze deinen Hund dabei, diese gut zu lösen.

Er sucht aber auch Jemanden, mit dem man gerne zusammen ist, mit dem man Spass haben kann und der ihm zeigt, wie toll er ist.

Und vor allem sei deinem Hund ein guter und verlässlicher Partner, der ihn mit Kopf und Herz anleitet, dann wird er dir gerne folgen…(fast) immer und überall 🙂

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(c) 2016 TeamSchule – Monika Oberli

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