Der dominante Hund

Der dominante Hund…ein weiterer Irrtum über  hündisches Verhalten, welcher sich leider immer noch hartnäckig hält.

Die Dominanztheorie ist wahrscheinlich die am häufigsten missverstandene, allgemein angewendete Verhaltenstheorie im Bereich des Hundeverhaltens. Sie wurde in der Vergangenheit entwickelt, um das Sozialverhalten von Hühnern zu erklären und vorherzusagen. Dann wurde diese Theorie auf andere Tierarten ausgeweitet, einschliesslich eines nahen Verwandten des Hundes, den Wolf.“ (James o’Heare – Die Dominanztheorie bei Hunden)

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Bild zeigt Spielsequenz

Mein Hund ist dominant…

Was wird dem Hund unter dem Deckmantel der Dominanz nicht alles unterstellt:

  • Folgt er nicht, ist er dominant
  • Will er sein Spielzeug nicht ausgeben, ist er dominant
  • Will er als erstes durch die Türe, ist er dominant
  • Rempelt er seinen Besitzer an, ist er dominant
  • Wird der Hund beim Anblick eines anderen Hundes steif und läuft hocherhobenen Hauptes auf ihn zu , ist er dominant

Es ist ja so einfach und die Erziehungsratschläge schnell zur Hand. Der Hund muss nur lernen wo sein Platz ist und wer der Chef ist und schon sind alle Probleme gelöst.

Ganz oft wird auch heute noch Ungehorsam und offensive Aggressivität mit Dominanz gleichgesetzt. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun. Deshalb machen auch Erziehungsmodelle keinen Sinn, welche den vermeintlich „dominanten“ Hund an seinen Platz verweisen wollen. Im Gegenteil, sie verschlimmern das Ganze oft noch.

Viel besser wäre es, seinem Hund zur Seite zu stehen und ihm für solche Situationen ein Verhalten beizubringen, welches mit den oben aufgeführten, unerwünschten Verhalten nicht vereinbar ist. 

Und ganz oft müssen wir uns bei diesen Verhalten selbst an der Nase nehmen. Sei es, weil wir es versäumt haben, unseren Hund so zu erziehen und auszubilden, dass er weiss, was wir von ihm erwarten. Ohne ihn dabei zum reinen Befehlsempfänger oder Abspuler von Tricks zu degradieren (wozu für mich auch Sitz, Platz und Fuss zählen). Oder weil wir ihn immer wieder Situationen gebracht haben, die ihn überforderten, und dies nicht wahrgenommen haben.

Aber auch wenn dies alles nicht zutrifft, gilt es erst einmal zu verstehen, was Dominanz ist bzw. nicht ist, bevor man seinen Hund in diese Schublade steckt.

Wer ist hier dominant?

Erst einmal zur heute allgemein anerkannten Definition: Dominanz ist keine feststehende Eigenschaft eines Lebewesens vielmehr sagt sie etwas über die augenblickliche Beziehung von ihm zu seinem Gegenüber aus. Das heisst, einer der dominiert, zeigt genau in dem Moment ein Verhalten mit dem er seine Interessen  gegenüber Anderen durchsetzen möchte und ggf auch kann.

Somit gehören zu einer Dominanbeziehung immer mindestens zwei: Einer der dominiert und der andere, der sich dominieren lässt. (G.Bloch, E. H. Radinger – Wölfisch für Hundehalter)

„Tiere, die regelmässig mit denselben Artgenossen um Ressourcen (soziale Zuwendung, Futter, Liegeplätze, Sexualpartner etc.) konkurrieren, können untereinander Dominanzbeziehungen ausbilden. Soziale Dominanz ist EIN Aspekt einer sozialen innerartlichen Beziehung!“ (Dr. Ute Blaschke-Berthold).

Situative und formale Dominanz

Spricht man von Dominanz, muss man aber auch zwischen einer situativen, das heisst aktuell ausgeübten sowie der formalen, auf Langzeitbeziehungen ausgerichteten Dominanz, unterscheiden.

Situative Dominanz

Situative Dominanz bezieht sich immer auf den Moment und auf die augenblicklich involvierten Individuen. Wer sich hier mit seinem Verhalten durchsetzt, dominiert die Situation egal ob es sich dabei um einen Menschen oder Tier handelt. Auch Geschlecht, Rang und Alter sind nebensächlich.

Der Hund will seinem Gegenüber mit diesem Verhalten zeigen, dass ihm etwas im Augenblick so wichtig ist, dass er es beschützen, verteidigen oder nehmen wird. Sei dies den Besitz einer Ressource, die Einhaltung einer Individualdistanz, das Beibehalten des Liegeplatzes, die Nähe zu seinem Menschen usw…

Typische Merkmale der situativen Dominanz sind das Vorpreschen, das Bellen, Abschnappen, das Über-die-Schnauze-fassen (nicht drücken!) und andere Abbruchsignale – alles Verhalten aus der defensiven Aggression  (Udo Ganslosser – Veraltensbiologie für Hundehalter).

Im Normalfall wird dies vom Gegenüber auch anstandslos akzeptiert. Und wenn nicht, so kommt es auch hier in der Regel zu keinen aggressiven Übergriffen, vielmehr beharrt der mental Stärkere mit subtilen Mitteln auf seinem Recht, das Gewünschte einzufordern.

Die situative Dominanz darf in einer Hundegruppe sowohl von einem ranghohen als auch rangtiefen Hund, dem alten und dem jungen Hund angewandt werden, ohne dass dabei irgendwelche Strukturen in Frage gestellt oder neue gebildet werden Das gilt auch in der Beziehung zu seinem Menschen.

Ein weiteres Merkmal der situativen Dominanz ist, dass sie fliessend ist. Denn auch bei der situativen Dominanz handelt es sich um kein Charaktereigenschaft sondern um ein in diesem Moment gezeigtes Verhalten welches ganz schnell wechseln kann:

Nimmt ein Welpe seinem Bruder den Knochen weg, so handelt er in dem Moment dominant gegenüber seinem Geschwister. Fordert die Mutterhündin den Knochen anschliessend wiederum erfolgreich von ihm ein, wird dieser nun von ihr dominiert.  

Aber auch ausserhalb von festen Hundegruppen treffen wir immer wieder auf die situative Dominanz:

Je nach Gegenüber kann sich der gleiche Hund bei einer zufälligen Hundebegegnung gross zur Show stellen und den Anderen damit auf Distanz halten, während er sich bei der nächsten unterwürfig und zurückhaltend gibt.

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Hundebegegnung – beide versuchen sich darzustellen. Zeigen aber gleichzeitig klare Calming Signals und Konfliktsignale

Formale Dominanz

Bei der formalen Dominanz, auch soziale Dominanz genannt, kümmert sich der Dominante langfristig um die Sicherheit und Geborgenheit der Gemeinschaft, setzt bei Bedarf aber auch den eigenen Willen gegen die Anderen durch. Dazu gehört zum Beispiel das Recht, anderen Gruppenmitgliedern den einzuschlagenden Weg vorzugeben, Pausen einzufordern oder das Signal für die Jagd zu geben. Dazu gehört aber auch, in Gefahrenmomenten die Verantwortung zu übernehmen.

Zu erkennen ist die formale Langzeitdominanz daran, dass der Dominante regelmässig und vorhersagbar seine Interessen gegen einen oder mehrere Andere durchsetzen kann, ohne dafür körperliche Gewalt anwenden zu müssen.

Je attraktiver dabei seine Eigenschaften für die Gemeinschaft sind (in der Regel handelt es sich um den  Erfahrensten mit  der grössten Führungskompetenz und dem meisten Nutzen für die Gemeinschaft) desto leichter fällt es den Anderen die Privilegien abzugeben.

Was manchmal auch ganz schön angenehm für die Gefolgsleute ist. Denn Führen ist nicht einfach immer nur schön. Führen heisst auch Verantwortung übernehmen und für die Sicherheit und das Wohlergehen der anderen zu sorgen. 

Damit ist auch klar, dass sich eine formale Dominanz immer nur in festen Beziehungen und nie zwischen zwei sich zufällig treffenden Lebewesen entwickeln kann.

Bei der formalen Dominanz muss der Dominante seine Ansprüche aber auch nicht zwingend und immer einfordern. Er verliert deshalb weder an Ansehen noch seine Position, wenn er dem anderen etwas  zugesteht…sei es eine Ressource oder wer zuerst durch dir Türe geht. Auch sagt eine formale Dominanz nicht zwingend etwas über eine Rangordnung aus.

Die Dominanzbeziehung wird immer von unten nach oben gefestigt, d.h. die anderen bestätigen durch ihr Verhalten, dass sie Dominanz des Gegenüber anerkennen, er muss sie sich nicht durch Kampf oder Aggression erkämpfen – das heisst ohne Gefolgsleute gibt es auch keinen Anführer.

Typische Merkmale der formalen Dominanz sind deshalb die ruhige souveräne Ausstrahlung des Dominanten sowie das devote Verhalten der anderen in der entsprechenden Situation.

Daher darf man sich zum Beispiel beim Nachhausekommen auch ohne irgendwelche negativen Gefahren für die Beziehung von seinem Hund begrüssen lassen.

Auch ist es für die Beziehung toll, wenn zwischendurch auch mal der Hund bestimmen darf wo’s langgeht oder sich sein Besitzer klein macht, damit sich ein gemeinsames Spiel entwickeln kann. Der Starke muss sich und den Anderen nicht permanent beweisen, dass er stark ist!

Und zu guter Letzt: Es ist nicht derjenige formal dominant, welcher am lautesten und heftigsten agiert, sondern derjenige, welcher in der Regel still und unauffällig seine Privilegien durchsetzen kann bzw. der dem sie freiwillig überlassen werden.

Mensch, Hund und die Dominanz

Der Mensch bestimmt im Normalfall das Tagesgeschehen, sagt wann es Gassi geht, wann und was gegessen wird und wann er seine Hundekumpels treffen darf. Dem allem fügen sich die Hunde in der Regel gerne unter, sofern der Mensch klar und verständlich agiert und für ihn und seine Sicherheit sorgt. Sie sind froh um klare Regeln und Strukturen, vorhersehbare Rituale sowie berechenbare Bezugspersonen und möchten weder die eigene Familie dominieren noch die Weltherrschaft an sich reissen.

Das heisst, in der Beziehung Mensch – Hund ist es der Mensch,  welcher regelmässig und vorhersagbar seine Interessen durchsetzt, ohne dafür körperliche Gewalt anwenden zu müssen. Was bedeutet dass er alleine nur schon aufgrund dieser Tatsache die formale Dominanz in der Beziehung besitzt.

Deshalb sind Ratschläge, die darauf abzielen, dass der Mensch dem Hund keinerlei Privilegien zugesteht (wie vor ihm essen, auf dem Sofa/Bett liegen, auf dem Spazi vor dem Mensch laufen), um aus ihm einen gehorsamen Hund und aus dem Mensch den Rudelführer zu machen, unsinnig. Situativ kann dies durchaus mal richtig sein, aber nicht als generelle Sicherstellung der Beziehung zwischen Hund und Mensch.

Auch ist schon lange belegt, dass zwischen Artfremden keine Rangordnung besteht, da diese auch immer das Recht auf Fortpflanzung beinhaltet.

Dominanz oder besser gesagt Führungskompetenz vom Menschen beinhaltet aber auch, dass er seinem Hund in schwierigen Situationen zur Seite steht und ihn vor Gefahren schützt. Auch hier gilt, Führen hat nicht immer nur angenehme Seiten.

Mein Hund ist stark

Und sollte ich wirklich einen mental starken Hund an meiner Seite haben, ist es dann richtig, ihm diese Stärke mittels Druck und Zwang austreiben zu wollen?

Ich sage nein. Denn als Mensch sollte ich doch in der Lage sein, einen Hund durch eine klare Führung, viele gemeinsame Wohlfühlzeit und ein gut durchdachtes Training zur Kooperation mit mir zu motivieren ohne dass ich ihn und seinen Charakter verändern muss.

Ich selbst habe einen solchen Hund. Hätte ich ihn über positive Strafmassnahmen „dominieren“ wollen (wozu auch schon körpersprachliches Bedrohen und Leineneinwirkungen gehören), dann hätte er nur zwei Möglichkeiten gehabt

  • aufzugeben und damit seine Ausstrahlung, seine Fröhlichkeit und Übermut zu verlieren
  • oder seine angestaute Frustration irgendwie abzubauen. Sei es durch aggressives Verhalten, erhöhte Reizanfälligkeit, Jagen, Krankheiten oder Stereotypien

Zeigt mein Hund hingegen für mich oder das Umfeld unerwünschte Verhaltensweisen wie ich einige als Beispiel. eingangs beschrieben habe, liegt es an mir, ihm durch ein positives Training zu zeigen, was von ihm in diesen Situationen erwünscht ist.

Mein Hund hat aber durchaus auch das Recht, Entscheidungen im Rahmen unserer Leitplanken selbst zu fällen und nein zu sagen, wenn ihm was nicht passt. Schliesslich habe ein denkendes und fühlendes Lebewesen an meiner Seite und keinen Befehlsempfänger der nur das zu tun und lassen hat, was ich möchte.

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3 Gedanken zu “Der dominante Hund

  1. Pingback: Gehorsam in Perfektion? – TeamSchule – Mensch und Hund

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