Strafen im Hundetraining

timimg

Gewalt und Strafen fangen dort an, wo Wissen und Können des Menschen aufhören.
Genauso wenig sinnvoll ist es jedoch  „den Hund einfach mal machen zu lassen“.
Und nicht zu vergessen – Strafen machen auch mit dem Strafenden ganz viel!

Als Basis empfiehlt sich, den Artikel „Lerntheorie – Belohnung und Strafen…“ vorgängig zu lesen

****

Durch Strafen* soll der Hund dazu gebracht werden, ein unerwünschtes Verhalten weniger oder gar nicht mehr zu zeigen bzw. ein gewünschtes schneller/besser auszuführen. * gerne auch mal als Korrektur oder Einwirkung bezeichnet

Wie bei den Belohnungen unterscheidet man bei den Strafen zwischen einer (mathematisch gesehen) positiven und negativen Anwendung.

 

Die positive Strafe

Die positive Strafe wird auch beängstigende oder schmerzende Strafe genannt, da sie etwas Unangenehmes, Schmerzhaftes oder Angstmachendes hinzufügt wie

  • Körperliches (Leinenrupfs, Anrempeln, Bedrängen,  drohende Körperhaltung, Zwicken, Bewerfen … )
  • Geräusche (Zischen, Rütteldosen, Discscheiben, Anschreien…)
  • Soziale (Aussperren, Trennung, Verstecken…)
  • ….

Niemand hat es verdient, dass man so mit ihm umgeht!

Die positive Strafe wird oft auch unbewusst angewandt!

Niemand kann von sich behaupten, dass er die positive Strafe noch nie angewandt hat, selbst bei noch so viel Achtsamkeit:

  • Dein Hund bellt dich mitten in einem Gespräch an, weil ihn etwas beunruhigt. Da du aber denkst , er bellt dich einfach aus Langeweile an, drehst du dich zu ihm ein und sagst laut „Jetzt nicht“ 
  • Ein fremder Hund biegt unmittelbar vor euch in die Strasse ein. Vor lauter Schreck, nimmst du die Leine kürzer und ziehst deinen Hund zu dir
  • Dein Hund setzt sich nicht gleich beim ersten Signal hin. Deshalb machst du einen Schritt auf ihn zu…und siehe da, er setzt sich. Von nun an machst du immer schon beim Signal geben, einen Schritt auf ihn zu
  • du rufst deinen Hund zu dir. Da er nicht gleich beim ersten Rufen kommt, wirst du ärgerlich, zeigst dies auch deutlich durch deine Körpersprache und Stimme
  • ….

Ist dein Hund danach still oder macht was du willst, dann ist deine Reaktion auf sein  vorheriges „Fehlverhalten“ bei ihm als Strafe angekommen. 

Aber damit hat er

  • weder gelernt, was er wirklich tun soll
  • noch gelernt, wofür er genau bestraft wurde. Was wenn er denkt, er hätte dich nicht anschauen dürfen

Und auch das Risiko einer Fehlverknüpfung ist nicht zu unterschätzen. Denn im Moment der Strafe hat er nicht nur diese sondern auch alles um sich herum wahrgenommen wie z.B. einen anderen Hund, ein rennendes Kind… Und schnell macht er diese als Auslöser für das unangenehme/schmerzende Gefühl der Strafe verantwortlich

Die positive Strafe braucht feste Regeln

Soll eine Strafe richtig angewandt werden, müssen IMMER und JEDESMAL die folgenden Regeln eingehalten werden: 

  • die Strafe muss jedesmalwenn das unerwünschte Verhalten auftritt erfolgen
  • sie muss unmittelbar in dem Moment in dem das unerwünschte Verhalten gezeigt wird erfolgen (besser noch bevor es passiert)
  • sie muss in der richtigen Stärke erfolgen (nicht zu hart und nicht zu sanft)
  • sie muss punktgenau (Timing) erfolgen
  • sie muss ohne positive Verstärkung (Belohnung) nach der Strafe erfolgen
  • sie muss mit vorheriger Ankündigung erfolgen, damit der Hund auch die Chance hat, sie zu vermeiden
  • Und sie muss sofort wieder aufgelöst werden, wenn der Hund sich richtig verhält (kein Nachtragen, das kennen Hunde nicht)

Wer kann von sich behaupten, dass er das immer und in jeder Situation schafft?

 

Die negative Strafe

Die negative Strafe wird auch frustrierende Strafe genannt, weil sie etwas Wünschenswertes vorenthält oder Erwartungen nicht erfüllt:

  • Dein Hund führt eine Übung nicht wie erwartet aus, deshalb versorgst du das Leckerchen wieder
  • Du rufst deinen Hund aus dem Spiel ab. Er kommt langsamer als erwartet, deshalb darf er nicht mehr zurück zum Spiel
  • Dein Hund bellt dich mitten in einem Gespräch an, weil ein fremder Hund ihn fixiert. Du meinst, er belle dich aus Langeweile an und drehst dich weg
  • Du zeigst deinem Hund, den Ball, als er nach dem 2. Abruf noch nicht gekommen ist und schon ist er da. Aber Strafe muss sein und deshalb bekommt er ihn natürlich nicht. 
  • ….

Wie diese Beispiele zeigen, ist es wichtig die aktuellen Bedürfnisse seines Hundes zu kennen, um ihn bedürfnisgerecht zu belohnen.

Auch diese Form der negativen Strafe wird sehr oft unbewusst angewandt:

  • Dein Hund kommt gleich beim ersten Rückruf und bekommt statt des erwarteten Leckerchens ein paar Streicheleinheiten
  • Dein Hund erwartet für seine tolle Leistung ein super Leckerchen, aber er bekommt nur ein Lob
  • Du lockst deinen Hund mit einem Ball vom anderen Hund weg und gibst ihm dann zur Ablenkung einen Keks.
  • Dein Hund würde liebend gerne die Katze vor euch jagen. Trotzdem läuft er an lockerer Leine mit dir weiter und bekommt zur Belohnung ein Trockenleckerchen aus der Hand, statt eines kleinen Jagdspiels
  • Du lockst deinen Hund mit einem Leckerchen über ein Hindernis. Jedes Mal wenn er es fast erreicht hat, ziehst du es vor seiner Nase weg, damit er weiter läuft
  • Dein sonst sehr hibbeliger Hund sitzt seit 1 Minute ruhig neben dir, aber du beachtest ihn keinen Moment
  • Dein Hund bleibt ruhig beim Anblick eines anderen Hundes. Du aber nimmst es nicht zur Kenntnis (gerade am Anfang des Trainings ist es ganz wichtig, jedes richtige Verhalten durch Belohnung zu verstärken)
  • Dein Hund ist ganz entspannt auf dem Hundeplatz und macht so toll mit trotz all der fremden Hunde. Weil du kurz auf’s WC musst, übergibst du die Leine der Trainerin und entfernst dich von deinem Hund. Was diesen absolut stresst.

Was bei der Verwendung von negativen Strafen unbedingt beachtet werden muss

Eine negative Strafe ist nur fair und kann auch nur funktionieren, wenn der Hund bereits gelernt hat, was er stattdessen tun soll:

  • Hinsetzen statt hochspringen
  • Handtouch statt anderen Hund anbellen
  • Ball holen statt ankommende Besucher verbellen
  • ….

Kennt er keine Alternative, kann es sein, dass sein Stress- und Frustlevel steigt. Das ist nicht nur dem Lernen abträglich, es besteht auch die Gefahr dass er das unerwünschte Verhalten verstärkt zeigt. Oder weil er es nicht besser weiss, auf andere evt. unerwünschte Verhalten ausweicht und dafür wieder bestraft wird – diesmal aber vielleicht unter Einsatz von positiven Strafen.

Generelle Merkmale von Strafen

  • Strafe ändert nicht die Motivation und die Bedürfnisse des Hundes
  • Strafe unterdrückt nur ein Verhalten, es zeigt aber nicht, was stattdessen erwünscht ist
    Der Hund zeigt danach vielleicht statt eines erwünschten ein anderes unerwünschtes Verhalten. Er knurrt andere Hunde an, er reagiert stärker auf Wildspuren oder frisst draussen mehr zusammen
  • Strafen hemmen Verhalten – auch erwünschte
    Dein Hund weiss nicht, für welches der gleichzeitig gezeigten, auch guten Verhalten er genau bestraft wird und er wird auch diese vermeiden
  • eine Gewöhnung ist schwer zu vermeiden
    Denn je öfters eine Strafeinwirkung erfolgt, desto mehr gewöhnt man sich daran – Hund und Mensch. Ein typisches Beispiel der Leinenruck. Entweder behält man ihn dann ein Leben lang bei oder man führt ihn immer stärker aus.
  • die Gefahr ist gross, dass es zu Fehlverknüpfungen kommt
    Im Moment der Strafe sieht der Hund ein Kind und glaubt, dieses sei Schuld an seinem Unwohlsein
  • Strafen kommen in der Regel zu spät
    Der Hund hat das Verhalten schon ausgeführt
  • Strafen gehen manchmal „vergessen“
    Das macht die Strafen unberechenbar. Gleichzeitig lernt der Hund, dass das Verhalten manchmal auch erlaubt ist, da die Strafe ausgeblieben ist. Nicht zu unrecht sagen viele, eine ausbleibende Strafe sei Belohnung genug 

Strafen sind immer mit Emotionen verbunden, denn sie

  • führen zu Angst, Stress, Frust, Aggression oder Resignation
    Nur wenn Strafen mit unguten Gefühlen verbunden sind, wird er auch versuchen, diese zu vermeiden
  • machen hilflos
    Selten werden die Regeln 100% eingehalten, wodurch die Strafen für den Hund unberechenbar sind
  • sind Beziehungskiller
    Wer fühlt sich schon wohl bei Jemandem von dem er Unangenehmes erfährt

Und eine weitere grosse Gefahr: Der Mensch belohnt sich mit jeder Ausführung der Strafe selbst, da der Hund zumindest kurzfristig mit seinem augenblicklichen Verhalten aufhört. Gleichzeitig kann der Mensch damit seinen eigenen Frust und Stress abbauen. Und was belohnt wird, wird auch beim Menschen verstärkt und damit öfters gezeigt.

****

Strafen im positiven Training?

Dies alles sind Gründe, weshalb die „hinzufügende Strafe“ im positiven, achtsamen und belohnungsbasierten Training keinen Platz hat.

In einem Notfall wird aber auch jeder positiv arbeitende Hundehalter seinen Hund an der Leine zurückziehen oder ihn durch Körperblockade daran hindern, auf die Strasse zu laufen oder einen anderen Hund zu beissen. Das aber nicht im Sinne einer Strafe, um ein Verhalten zu verändern, sondern um eine aktuelle Gefahr abzuwenden

Und auch die negative Strafe wird nur sehr selten und mit möglichst wenig Stress- und Frustpotential angewandt. Denn erstens ist Beides dem Lernen abträglich und zweitens zeigt ein häufiger Einsatz lediglich, dass man das eigene Training verbessern muss.

Dabei sollte die Ausbildung so aussehen, dass der Hund die gewünschten Verhalten über Belohnungen lernen darf. Das bedeutet aber auch, dass man sich als Mensch Gedanken über das Training, den Trainingsweg und das Wesen und die Lernmöglichkeiten seines Hundes macht.

Funktioniert aber etwas trotz aller Belohnungen nicht, schau, ob nicht irgendwo unbewusst eine „Negative Strafe“ mitspielt. Sei dies, weil die Belohnung nicht die richtige  für das zu lernende Verhalten ist oder weil dein Hund eine andere Belohnung erwartet.

Dort wo die eine Strafe (Korrektur oder Einwirkung) durch den richtigen Einsatz funktioniert, klappt es auch mit der richtig angewandten Belohnung (auch Verstärker genannt). Letztere hat aber viel weniger Nebenwirkungen.

Denn wenn man ein Lebewesen aufnimmt, heisst dies, Verantwortung für es übernehmen. Das heisst, ihm auch zu zeigen, was wir von ihm erwarten…und dies nicht über Strafen.

****

Ein weiteres tolles Dokument mit vielen Beispielen zum Thema Strafe (PDF)

Weiterführende Artikel zu diesem Thema:

 

© 2016 (überarbeitet 2019) – Teamschule – Monika Oberli

3 Gedanken zu “Strafen im Hundetraining

  1. Pingback: Die operante Konditionierung | TeamSchule - Mensch und Hund

  2. Pingback: Die klassische Konditionierung | TeamSchule - Mensch und Hund

  3. Pingback: Alles eine Frage des Timings | TeamSchule - Mensch und Hund

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s