Angst, Furcht und Panik

Leider hört man, wenn es um Angst und Unsicherheiten bei Hunden geht, immer noch ganz häufig den Ratschlag, seinen Hund in dem Moment auf keinen Fall zu trösten, um seine Angst nicht noch grösser zu machen. Häufig mit der Empfehlung verbunden, den Hund zu ignorieren und nicht zu sich zu lassen.

Bild2Leider ist diese Empfehlung auch heute immer noch nicht aus allen Köpfen verschwunden.

Richtig aber ist: Angst wird durch Nähe und soziale Unterstützung nicht verstärkt.

Im Gegenteil, gerade durch das Alleinelassen wird sie schlimmer. Denn nun hat der Hund nicht einmal mehr seine vertraute Bezugsperson, die ihm in seiner Angst zur Seite steht und ihm, wenn erwünscht, Schutz und Nähe gibt oder ihn durch andere Möglichkeiten unterstützt.

Einzig, wenn man als Mensch in die Angst mit einsteigt, hektisch und nervös wird oder versucht, den Hund mit vielen gut gemeinten Worten und hektischem Streicheln zu trösten, trägt man zur Verunsicherung bei.

Und so darf ich meinem Hund jederzeit Schutz und Sicherheit geben oder ihm auch einfach nur signalisieren, dass Alles i.O. ist, wenn er dies braucht.

Neben der sozialen Nähe gibt es aber auch noch viele weitere Möglichkeiten, seinem Hund zu helfen. Einige davon brauchen jedoch Angewöhnung, damit sie dem Hund bei Bedarf vertraut sind.  Am Ende des Beitrages finden Sie den entsprechenden Link dazu: „Wenn dein Hund Angst vor Feuerwerk hat“

Aber was ist Angst“ eigentlich?

Hier erst einmal eine Unterteilung, wie sie auch Sophie Strodtbeck im Hundemagazin Wuff gemacht hat und wie sie im Internet zu finden ist:

  • Unsicherheit
    Diese kann gerichtet und/oder ungerichtet sein
    (gerichtet, d.h. auf jedes Konkretes bezogen / ungerichtet = diffus, kein bestimmter Anlass )Der Hund ist jedoch noch handlungsfähig
  • Angst
    Diese hat keinen äusserlichen Anlass.
    Sie ist ungerichtet und lähmt den Hund in seinem Verhalten.Nicht behandelt, kann sie sich in Panik auswachsen
  • Furcht
    Diese bezieht sich immer auf etwas (Menschen, Gegenstände…)
    Sie ist gerichtet und lässt den Hund noch agieren.Nicht behandelt, kann sich daraus eine Phobie entwickeln

Unsicherheit
Unsicherheit lässt einen Hund vorsichtiger agieren. Er hat aber keine Angst und ist daher immer noch in der Lage, autonom und überlegt zu handeln.

Um solche Unsicherheiten abzubauen und/oder den Hund zu lehren gelassener mit der diesen beängstigenden Auslösern der Unsicherheit umzugehen, helfen viele neutrale oder positive Erfahrungen* damit (Desensibilisierung und Gegenkonditionierung).

* diese können auch durch den Besitzer bewusst im Training eingesetzt werden

Jedoch kann die gezeigte Unsicherheit auch in Angst oder Furcht umschlagen. Und zwar immer dann, wenn entweder

  • mehrmalige schlechte Erfahrungen zeigen, dass die Unsicherheit zu recht da war
  • der Mensch selbst falsch reagiert. Sei es, weil er selbst unsicher wird.
    Oder er zumindest so wirkt, weil er seinen Hund mit vielen Worten und hektischem Streicheln zu beruhigen versucht
  • der Mensch den Hund überfordert, indem er ihn permanent oder in zu starker Form mit diesen Situationen konfrontiert
  • der Mensch den Hund für sein Verhalten tadelt

Angst
Von Angst spricht man, wenn diese ungerichtet, d.h. nicht auf eine bestimmte, vorhandene Gefahr bezogen ist.

Ein ängstlicher Hund hat dabei das Gefühl, dass gleich etwas Schlimmes passiert, ohne dass es einen tatsächlichen Grund dafür gibt. Oder aber, weil er weiss, dass gleich etwas Schlimmes passieren könnte ohne zu wissen wann genau oder wie er es verhindern kann (wie z.B. positive Strafen: Oft wenn ein fremder Hund auftaucht, zieht sich die Leine straff oder sein Mensch zieht ihn hektisch auf die Seite)

Im Gegensatz zur Unsicherheit lähmt diese Angst und der Hund ist irgendwann nicht mehr in der Lage kontrolliert zu agieren oder auf ein Kommando zu reagieren. Im schlimmsten Fall geht ein solcher Hund in eine völlige Resignation (auch bekannt unter dem Stichwort „erlernte Hilflosigkeit“) oder er flüchtet in die Aggression.

Führe ich nun einen Hund immer wieder in diese auswegslosen Situationen und lasse ihn dabei auch noch mit seiner Angst alleine (so wie es früher häufig empfohlen wurde), dann verliert der Hund alles, was er in diesem Moment noch an Sicherheit habe könnte.

Biete ich ihm im dem Augenblick jedoch meinen Schutz und meine Sicherheit und stärke langfristig sein Vertrauen in sich selbst, in dem ich sein Selbstvertrauen durch entsprechende Übungen aufbaue, erfährt dieser Hund eine immense Verbesserung seiner Lebensqualität. Und er wird sich selbst mit der Zeit immer mehr zu trauen.

Furcht
Im Gegensatz zur Angst richtet sich die Furcht auf eine ganz bestimmte Bedrohung oder Gefahr, die es abzuwenden gilt (andere Hunde, fremde Menschen, Orte, Fahrzeuge, Situationen, Geräusche…).

Je nach Typ, Vorerfahrung und Situation wird dieser Hund auf sich alleine gestellt, die Lösung im Normalfall in der Flucht oder im Angriff suchen.

Aus diesem Grund ist es wichtig, einem Hund, der sich fürchtet im ersten Moment erst einmal Schutz und Sicherheit und vor allem Abstand zur gefürchteten Gefahr zu bieten.

Langfristig helfe ich dem Hund, indem ich ihn mittels vielen neutralen und/oder positiven Erfahrungen an diese Situationen/Gegenstände gewöhne (durch Desensibilsierung und Gegenkonditionierung).

Genau wie bei der Angst helfen auch hier selbstbewusstseinsstärkende Trainings und gerenell Alles, was zur Entspannung und zur Stressreduktion beiträgt.

Alternativverhalten
Ein Alternativverhalten welches der Hund gerne ausführt wie z.B. das Bogenlaufen, das Berühren der Hand, die Suche nach Leckerchen, wird ihm helfen, ängstigende Dinge besser auszuhalten… Ein eingefordertes Sitz gehört aber in den wenigsten Fällen dazu und erst recht nicht in einer unheimlichen Situation.
Sobald der Hund eine schwierige Situation durch sein Verhalten selbst beeinflussen kann, fühlt er sich dieser nicht mehr hilflos ausgeliefert und er lernt dadurch langfristig auch seine Angst abzubauen.

Konditionierte Entspannung
Eine sehr schöne Möglichkeit, seinem Hund zu helfen. Mit einem Wort und/oder Berührung, welche in entspannten Momenten aufgebaut wurden, kann man den Hund in für ihn schwierigen Augenblick wieder ansprechbar und für ein Alternativverhalten empfänglich machen.

Panik und Phobie
Häufig hört man bei diesem Thema aber auch: „Na ja, es ist ja nicht so schlimm, er hat ja nur Angst vor…..“

Dabei vergisst derjenige, der das sagt, dass sich diese immer weiter steigern können. Dann wird im schlimmsten Fall aus Angst auf einmal Panik und aus Furcht eine Phobie oder aber er beginnt zu generalisieren…das heisst auf immer mehr Dinge auszuweiten

Und so kann es geschehen, dass ein Hund, der erst nur Angst vor grossen schwarzen Hunden hatte, sich auf einmal vor allen grossen und irgendwann vor allen Hunden fürchtet. Oder der Hund, der sich bis vor kurzem bei Gewitter unters Bett verzogen hat, auf einmal nicht mehr vor die Türe geht, weil das letzte Mal beim Rausgehen eine Autotüre geknallt hat.

Was bei diesem Thema auch nicht vergessen werden darf:

Eine einmal vorhandene Angst/Furcht wird im Gedächtnis nie ganz gelöscht, selbst wenn sie über einen langen Zeitraum nicht mehr aufgetreten ist. Und deshalb können diese Ängste bei einem vorbelasteten Hund viel schneller aufgrund eines kleineren Auslöser wieder auftauchen, als bei einem Hund, der noch nie damit zu tun hatte.

Angst und Furcht, weshalb braucht es sie?

Angst und Furcht gehören genau so zum Leben wie Freude, Trauer, Wut und Scham.

Sie sollen uns helfen, in gefährlichen Situationen schnell handeln zu können indem sie den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Auch stellen sie sicher, dass wir uns nicht unbedacht in Gefahr begeben. Sie dient uns somit auch als Warnung vor und zur Erinnerung an potentiell gefährliche Situationen..

Dieser Gefühlszustand wird vom Körper in Sekundenbruchteilen ausgelöst, sobald er Hinweise auf eine Bedrohung erkennt. Angst/Furcht ist somit nicht willentlich steuerbar!

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine echte oder eingebildete Bedrohung handelt– die körperliche Reaktion ist die gleiche.

Sind diese jedoch übertrieben oder treten sie völlig grundlos auf, so sind sie keine Hilfe mehr. Im Gegenteil, sie lähmen und machen langfristig krank.

Angst und Furcht beim Hund

Auch bei Hunden ist es wichtig sich mit dem Thema „Angst“ auseinander zu setzen. Denn bei ihm spielen sich letztendlich die gleichen inneren Vorgänge ab wie bei uns Menschen.

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Welche Rolle spielt aber nun dieses Wissen für unser Zusammenleben mit einem unsicheren, ängstlichen Hund?
Eine Wichtige, denn dieses Wissen entscheidet letztendlich darüber, wie die Behandlung und das Training auszusehen hat und welche Instrumente und Traininsansätze an erfolgreichsten sein werden.

Dabei darf nie vergessen werden, dass das Training um so mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, je tiefer Angst und Furcht verwurzelt sind und je länger sie schon bestehen. Denn umso kleiner müssen die einzelnen Trainingsschritte sein.

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Verschlimmere ich dadurch nicht das unerwünschte Verhalten des Hundes?

Meine Ausführungen haben hoffentlich zum Verständnis beigetragen, dass eine bestehende Unsicherheit/Angst oder Furcht nicht verschlimmert wird, wenn man seinem Hund in einer solchen Situation Schutz und Sicherheit bietet. Und bei meinen eigenen und Kundenhunden hat sich dies auch in Praxis immer wieder bestätigt.

Ich (als Mensch) habe ja z.B. auch nicht mehr Angst, nur weil mich jemand in den Arm nimmt, wenn ich mich ängstige. Und ich fürchte mich auch nicht stärker vor Spinnen, nur weil ich bei deren Anblick zukünftig jedes Mal ein Eis bekomme (im schlimmsten Fall mag ich Eis nicht mehr, falls ich diese nur noch bekomme, wenn eine Spinne auftaucht). 

Im besten Fall freue ich mich irgendwann sogar über den Anblick einer Spinne. Denn ich weiss, dass ich nun gleich ein Eis bekomme und ich habe auch gemerkt, dass mir diese auch dann nichts macht, wenn ich sie nicht im Auge behalte.

Irgendwann beginne ich evt. bewusst nach Spinnen Ausschau zu halten, damit ich ein Eis bekomm. Das zeigt, dass ich nicht mehr von der Furcht überwältigt bin, sondern mein nun Handeln bewusst beeinflusse.

Und so wird aus etwas Beängstigendem langfristig ein Ankündiger von etwas Gutem und meine Befürchtungen wandeln sich in eine positive Erwartungshaltung. 

Genau das Gleiche geschieht beim Hund. Und wenn Sie merken, dass Ihr Hund nun bewusst diese Dinge sucht, dann können Sie beginnen, die Gegenkonditionierung auszuschleichen.

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Wie Sie sehen, kann ich als Mensch viel dazu beitragen, dass vorhandene oder erworbene Ängste meinen Hund nicht so einschränken, dass er keine Lebensqualität mehr hat.

Dabei hilft einerseits, dass ich ihm die richtige Unterstützung biete. Aber auch, dass ich ihm Wege aus seinen Ängsten zeige und ich sie nicht durch folgende Verhalten noch verschlimmere:

  • sich selber unsicher werde oder auch nur wirke
  • ich selbst erschrecke und dies auch zu erkennen gebe
  • ich mich ganz anders verhalte als sonst üblich
  •  ich übertrieben auf seine Ängste eingehe
  • ich versuche den Hund mit vielen Worten und/oder hektischem Streicheln zu beruhigen
  • ich den Hund in der Situation überfordere
  • ich ihn in diesen Situationen alleine lasse oder gar noch wegschicke
  • ich ihn für sein für mich unerwünschtem Verhalten bestrafe

Denn Angst schränkt nicht nur die gesamte Lebensqualität ein, sie beeinflusst auch die Grundeinstellung eines Lebewesens allem anderen gegenüber. Und es darf auch das Training so aufgebaut werden, dass der Hund in Panik kommt und er danach zusammenbricht oder in Aggression gegen das Angstmachende umschlägt.

Manchmal hilft aber durchaus auch ein Ignorieren.
Dann nämlich wenn der Hund sich das erste mal vor etwas erschrickt und der Besitzer durch seine eigene Gelassenheit und des Nicht- oder nur kurzen Beachtens zeigt, dass da gar nichts war, über das man sich Sorgen machen muss. Sehr oft kann man dies z.B. bei Welpen/Junghunden beobachten, die in einer solchen Situation erst einmal zu ihrer vertrauten Hunden/Menschen schauen/rennen. Und wenn diese darauf nicht oder kaum reagieren, anschliessend mit den soeben unterbrochenen Tätigkeiten weiterfahren.

Je nach Situation kann ich meinem Hund aber auch zeigen, dass ich es genau wie er wahr genommen, aber nicht als weiter beachtenswert eingestuft habe.

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© 2013 – Teamschule – Monika Oberli

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